Ein Interview mit Thomas Lührs
Wer schon einmal an einem Kommunikationstraining teilgenommen hat, kennt die Situation: Nach der Theorie kommt die Praxis. Zwei Teilnehmende sollen nach vorne kommen. Einer spielt die Führungskraft, der andere den schwierigen Mitarbeiter. Die übrigen Kollegen schauen zu. Für manche funktioniert das hervorragend. Andere denken nur: Bitte nicht ich.
Genau über dieses Problem haben wir mit Thomas Lührs gesprochen. Er arbeitet im Projektmanagement für digitale Projekte und neue Trainings beim maritimen competenzcentrum und beschäftigt sich unter anderem damit, wie neue digitale Lernformate in Kommunikationstrainings eingesetzt werden können. Dort wurden bereits KI-gestützte Gesprächssimulationen von 3spin Learning mit operativen Mitarbeitenden und angehenden Führungskräften erprobt. Eine dieser neuen Lernformen sind KI Rollenspiele, bei denen Mitarbeitende realistische Gesprächssituationen mit einem KI-Avatar trainieren.
Im Interview erklärt er, warum KI Avatare klassische Rollenspiele sinnvoll ergänzen können, weshalb Wiederholung für den Lerntransfer so wichtig ist, und wo ein menschlicher Coach der KI weiterhin voraus ist.
TL: Das ist natürlich sehr unterschiedlich. Manche können sich sehr gut in eine Rolle hineinversetzen. Aber es gibt eben auch Menschen, die beim Wort Rollenspiel schon Schweißausbrüche bekommen. Sie können oder wollen sich in dieser Situation nicht richtig öffnen. Vielleicht haben sie Angst, sich vor ihrem Trainingspartner oder der Gruppe zu blamieren. Und genau das beeinflusst natürlich die Übung.
Denn eigentlich möchte ich ja eine möglichst realistische Gesprächssituation trainieren. Wenn ich aber gleichzeitig darüber nachdenke, wie mich mein Kollege oder meine Kollegin gerade wahrnimmt, entsteht eine zusätzliche Hürde.
TL: Der große Unterschied ist für mich dieser abgeschlossene Raum. Ich spreche mit einem Avatar, der zunächst einmal komplett neutral ist und mit dem ich außerhalb dieser Trainingssituation nichts zu tun habe. Ich kann das am Computer machen oder beispielsweise mit einer VR Brille. Dann steht mir zwar auch jemand gegenüber und ich führe ein Gespräch, aber es ist trotzdem eine deutlich andere Situation als mit einem Kollegen aus dem Seminar. Das haben wir bei unseren Tests durchaus als Vorteil wahrgenommen.
TL: Ja, in bestimmten Situationen schon. Gerade bei unangenehmen Gesprächen geht es ja darum, Dinge wirklich auszuprobieren. Wenn ich ständig darüber nachdenke, ob ich mich vor jemandem blamiere, werde ich wahrscheinlich weniger experimentieren. Mit einem Avatar kann ich dagegen auch einmal ausprobieren: Was passiert eigentlich, wenn ich ganz anders reagiere? Und anschließend bekomme ich eine Rückmeldung dazu.
TL: Die Akzeptanz war sehr hoch. Wir haben die Anwendungen im Rahmen eines Forschungsprojekts unter anderem mit operativen Mitarbeitenden und Personen getestet, die für Führungspositionen aus- oder weitergebildet werden. Das Feedback war sehr gut. Die Teilnehmenden haben auch den Lernerfolg gesehen und erkannt, dass diese Form des Trainings sinnvoll sein kann. Besonders wichtig sind aus meiner Sicht zwei Punkte:
Warum ist die Wiederholbarkeit so entscheidend? Weil ich dadurch mit dem Feedback tatsächlich arbeiten kann. Nach einer Simulation bekomme ich beispielsweise einen Verbesserungsvorschlag. Dann kann ich dieselbe oder eine ähnliche Situation noch einmal durchführen und bewusst versuchen, diesen Punkt umzusetzen. Und anschließend sehe ich, wie sich dadurch das Gespräch verändert hat. Ich kann sogar bewusst ungewöhnliche Dinge ausprobieren und schauen, was passiert. Genau dieses wiederholte Experimentieren ist mit einem KI Avatar relativ einfach möglich.
TL: Ich würde es eher als Ergänzung sehen. KI Rollenspiele können beispielsweise direkt während eines Trainings eingesetzt werden. Man hat zunächst einen Theorieteil und geht anschließend in die praktische Anwendung. Statt des klassischen Rollenspiels mit einem anderen Teilnehmenden kann diese Übungsphase dann mit einem KI-Avatar stattfinden.
Eine zweite Möglichkeit finde ich mindestens genauso spannend: nach dem Training. Die Teilnehmenden können das, was sie im Seminar gelernt haben, später noch einmal selbstständig trainieren und dadurch verfestigen. So entsteht ein Blended-Learning-Ansatz, bei dem Präsenztraining, digitale Übungsphasen und Transfer in den Arbeitsalltag miteinander verbunden werden.
TL: Zumindest ist das eine große Chance. Wenn ich etwas nur einmal in einem Seminar ausprobiere, habe ich danach noch lange keine Routine entwickelt. Mit einem digitalen Rollenspiel kann ich zeitunabhängig trainieren. Vielleicht weiß ich, dass ich in einer Stunde ein schwieriges Gespräch vor mir habe. Dann kann ich vorher noch einmal kurz mit einem Avatar genau diese Situation üben. Wenn ich mich stattdessen vor einen Spiegel stelle und mein Gespräch durchgehe, bekomme ich keine Reaktion. Der Avatar reagiert, und ich bekomme anschließend Feedback.
TL: Das ist eine schwierige Frage. Ein Mensch hat heute weiterhin Vorteile. Eine KI arbeitet zunächst auf Basis dessen, wie sie konfiguriert und gepromptet wurde. Ein menschlicher Trainer kann sich flexibler auf eine unerwartete Situation einstellen. Dazu kommen Dinge wie Emotionalität, Gestik, Mimik und feine Nuancen eines Gesprächs. Ein Mensch kann diese Signale heute teilweise besser erfassen und in den Kontext einordnen. Deshalb sehe ich es nicht unbedingt als Entweder-oder.
TL: Vor allem in der Verfügbarkeit und Wiederholbarkeit. Ein menschlicher Coach kann nicht jederzeit neben mir sitzen. Eine KI-basierte Lernbegleitung könnte dagegen genau dann verfügbar sein, wenn ich sie benötige. Das geht für mich in Richtung lebenslanges Lernen beziehungsweise Lernbegleitung im Arbeitsalltag. Langfristig könnte man das noch weiterdenken.
TL: Eine Art elektronischer Buddy könnte eine interessante Entwicklung sein. Wenn ein solcher Begleiter meinen Kontext kennt, könnte er mich stärker im Arbeitsalltag unterstützen und anschließend Feedback zu einer Präsentation oder Gesprächssituation geben. Dafür müsste die KI allerdings genug über mich wissen, damit nicht nur generische Empfehlungen entstehen. Und genau dort kommen wir schnell zu einer wichtigen Grenze.
TL: Absolut. Wenn eine KI Gespräche begleitet oder aufzeichnet, stellen sich sofort die Fragen:
Das kann wiederum Auswirkungen darauf haben, wie offen Menschen überhaupt kommunizieren. Auch in einem menschlichen Coaching brauche ich Vertrauen in einen geschützten Raum. Sobald Gespräche digital aufgezeichnet und ausgewertet werden, wird diese Frage noch relevanter. Das muss bei solchen Zukunftsszenarien unbedingt mitgedacht werden.
TL: Unternehmen sollten aus meiner Sicht nicht einfach überall KI einsetzen, nur weil es technisch möglich ist. Man muss zunächst schauen, in welchen Prozessen KI überhaupt Sinn ergibt. Wenn ich einen schlechten manuellen Prozess einfach digitalisiere oder mit KI versehe, habe ich anschließend möglicherweise nur einen schlechten KI-gestützten Prozess. Dadurch bin ich nicht automatisch besser. Gerade Führungskräfte müssen deshalb auch lernen, KI sinnvoll einzuordnen und ihren Mitarbeitenden Orientierung zu geben.
Das Gespräch mit Thomas Lührs zeigt einen Aspekt von KI im Learning, über den bislang vergleichsweise wenig gesprochen wird. Der größte Vorteil eines KI Avatars besteht wahrscheinlich gerade darin, dass er kein Kollege ist. Bei Soft Skills reicht es nicht, Wissen zu konsumieren. Kommunikation, Feedback und Konfliktfähigkeit müssen praktisch angewendet werden. Klassische Rollenspiele ermöglichen genau das, bringen aber eine soziale Komponente mit, die manche Lernende hemmt. KI Rollenspiele verändern diese Ausgangslage. Der Lernende kann ausprobieren, scheitern, Feedback bekommen und noch einmal anfangen. Und niemand aus dem eigenen Team sitzt daneben und bewertet den ersten Versuch.
Genau dieses Prinzip steht hinter KI Soft Skill Trainings: reale Gesprächssituationen üben, individuelles Feedback erhalten und das Gelernte anschließend direkt in einer weiteren Simulation anwenden. Das macht die KI nicht automatisch zum besseren Coach und es macht menschliche Trainer keineswegs überflüssig. Aber es schafft einen zusätzlichen Übungsraum zwischen Theorie und Realität.
Genau an diesem Punkt setzen wir bei 3spin Learning mit unseren KI Soft Skill Trainings an. Unternehmen können realistische Gesprächssituationen für ihre Mitarbeitenden und Führungskräfte als KI Rollenspiele abbilden. Der entscheidende Unterschied zum klassischen E-Learning ist dabei, dass die Lernenden selbst sprechen und handeln müssen.
Sie erleben Reaktionen, erhalten Feedback und können eine Situation wiederholen, bis aus theoretischem Wissen zunehmend praktische Sicherheit wird. Damit verbinden KI Rollenspiele einige Eigenschaften, die im Soft Skill Training besonders wertvoll sind: praktische Anwendung, individuelles Feedback, Wiederholbarkeit, zeitliche Flexibilität und ein geschützter Raum zum Ausprobieren.